Cannabis als Medizin im Mittelalter

Cannabis als Medizin im Mittelalter

 

Europa im Mittelalter

Im Mittelalter lag die Ausübung der Heilkunde im Wesentlichen in den Händen von Mönchen und Nonnen, welche die sogenannte Klostermedizin praktizierten. Forschung wurde im Mittelalter kaum betrieben, weshalb diese Zeit oft auch als düster und reaktionär beschrieben wird.

Der erste Hinweis auf die Wirkungen der Inhaltsstoffe des Hanfs findet sich in Hildegard von Bingens (1098–1179, Benediktinerin, Dichterin, Universalgelehrte) Schrift „Physica – Liber simplicis medicinae“ (ca. 1150–1160). Dort erwähnt sie Cannabis als schmerzstillende und verdauungsfordernde Pflanze, außerdem empfiehlt sie Cannabis zur lokalen Behandlung von Geschwüren und Wunden.

Weitere Anwendungsgebiete sind rheumatische und bronchiale Erkrankungen sowie Magenbeschwerden wie Übelkeit. Darüber hinaus wurde Cannabis allgemein als Opiumersatz verordnet.

Ab dem 16. Jahrhundert findet Cannabis Eingang in zahlreiche Kräuterbücher. Hervorzuheben ist etwa Leonhart Fuchs’ (1501–1566, Mediziner, Botaniker, einer 7 Geschichte von Cannabis als Arznei- und Rauschmittel der sogenannten Väter der Botanik) Werk „De Historia Stirpium“ (1542). Darin beschreibt Fuchs die Morphologie und Kultivierung von Cannabis sativa, außerdem zitiert er aus den Werken von Dioskurides, Plinius und Galen. Fuchs liefert zudem die zu dieser Zeit genaueste Abbildung der Cannabispflanze.

Ein weiterer Botaniker, der Cannabis erwähnt, ist der englische Apotheker John Parkinson (1567–1650). In seinem Werk „The Botanical Theatre of Plants“ (1640) empfiehlt er Cannabis bei trockenem Husten, Gelbsucht, Diarrhoe, Koliken, Gicht, ferner bei Tumoren, Verbrennungen und Schmerzen.

In der Renaissancezeit brachten weiterhin viele Forscher und Weltreisende Berichte sowie auch getrocknete Pflanzen v.a. aus dem mittleren Osten und Indien in die Heimat, wodurch viele neue Erkenntnisse über fremdländische Pflanzen gewonnen wurden. Beispielsweise berichtet der berühmte portugiesische Arzt Garcia da Orta (1499–1568) in seinem Werk „Coloquios dos Simples e Drogas da India“ (1563) von der Anwendung von Cannabis als Beruhigungsmittel. Garcia da Orta züchtete in seinem Garten in Goa selbst Cannabis.

Im 19. Jahrhundert erlebte Cannabis seine Blütezeit, es galt regelrecht als Allheilmittel und war eines der in Apotheken in Europa und den USA am meisten verkauften Arzneimittel. So waren Cannabisextrakte zu dieser Zeit in allen Apotheken erhältlich, nahezu jede Ortsapotheke hatte sogar ihre eigene Vorschrift zur Herstellung von Cannabistinkturen.

Zwischen 1842 und 1900 machten Cannabispräparate dort die Hälfte aller verkauften Medikamente aus. In Europa waren zwischen 1850 und 1950 über 100 verschiedene Cannabismedikamente erhältlich. Cannabis wurde nach und nach die leichtere und bekömmlichere Alternative zu Opium.

Cannabis wurde hierbei gegen zahlreiche Krankheiten wie Migräne, Kopfschmerzen, Neuralgien, Rheuma, epilepsieähnliche und andere Arten von Krämpfen eingesetzt. Auch als Beruhigungs- und Schlafmittel sowie als Hustenstiller und als Arzneimittel bei asthmatischen Beschwerden fand Cannabis breite Anwendung.

Cannabis galt sowohl als stimulierendes als auch als beruhigendes Präparat, das nicht nur als Schlafmittel eingesetzt wurde, sondern auch bei Unruhe- und Angstzuständen sowie bei Hysterien.

Dr. Dralles Somnium war bspw. eine Hanftinktur, die als sanfte Einschlafhilfe und als Beruhigungsmittel diente. Die antibakterielle Wirkung des Haschischs bewirkte wiederum dessen Verwendung als probates antiseptisches Mittel. Außerdem wurden Cannabiszubereitungen wie Haschöl als bestes Mittel gegen Hühneraugen gelobt, weiter setzte man Cannabis in Muskelpackungen, Rheumasalben und in äußerlichen Zubereitungen gegen Brandwunden und Verbrühungen ein.